31.08.2017 - 06.10.2017 / Design

Inventur. Adolf Krischanitz

Bild: Heinz Schmölzer (oben), Adolf Krischanitz (unten)
Bild: Heinz Schmölzer (oben), Adolf Krischanitz (unten)

Eine Gleichung des Sitzens

Der Raum an sich ist nichts. Deswegen wird er gebildet durch Grenzen und Dinge (Objekte) und wird dadurch unzulässigerweise selbst zum Ding. Stühle sind Gegenstände, werden Objekte im Raum. Stühle werden benutzt, haben mehr oder weniger Gebrauchswert. Aber sind sie auf diesen zu reduzieren? Sie haben auch einen Ausstellungswert, sind also auch Zeichen. Genauso wenig wie wir uns ein ausschließlich gebrauchsfähiges Ding an sich vorstellen können, können wir uns ein Möbel als reines Zeichen vorstellen. Dinge haben nur Bedeutung in ihren Beziehungen zum Menschen und vor diesem Hintergrund Beziehungen zueinander. Jedes Objekt ist also durch eine Vielzahl von Beziehungen geprägt welche seine rein materielle Existenz überlagern. Es übermittelt Botschaften für denjenigen, der den Code beherrscht.

Sitzen ist Besitz und Ersatz, Aura und Fetisch von Macht. Der auf dem Stuhl Sitzende wird zum lebenden Requisit eines Ortes kultureller Nobilitierung. Der Stuhl als Passstück weist über seinen Objektcharakter hinaus auf seinen »Be-Sitzer« und damit auf seine Geschichte. Ebenso wie Kunstwerke verlängern Möbel ihr apparathaftes Wesen – also das, was sie sind – auf einen gewünschten Zustand. Betrachtet man die einzelnen Artefakte, fächern sich immer neue Bedeutungsebenen auf. Die soziokulturelle Bedeutung des Möbels ist aufgrund des fast immerwährenden direkten Kontaktes mit dem wohnenden und arbeitenden Menschen evident. Matrizenhaft liefert das Sitzmöbel einen unmittelbaren Abdruck nicht nur des Menschenkörpers, sondern auch seiner Seele. Entlang des Stuhles formiert sich der menschliche Körper, um Körperhaltungen einzunehmen, die auch bestimmten Seelenlagen entsprechen (Beichtstuhl, Liegestuhl, et cetera).An den Möbeln wird man ihn erkennen (den Menschen), einmal als Sitzenden im Gestell des Stuhls, einmal als Abwesenden, wobei der Stuhl den Platz hält, quasi als Platzhalter.Stühle sind Raumfallen, sie erzeugen eine spezifische Sicht auf die unmittelbare ebenso wie die medial vermittelte Welt (Rundfunk und Fernsehen).

Stühle sind Zeitfallen, indem sie nicht in Zusammenhang mit unmittelbar offensiver Bewegung stehen und daher einen Status definieren, der in der Regel weder Schlafen ist noch Gehen; der den Körper ruhig stellt, also antizipatorisch jenes Zeitmaß ausdrückt, das erforderlich ist, um bestimmte Tätigkeiten wie zum Beispiel Denken zu verrichten, die mit der Abstraktionsfähigkeit des Menschen zu tun haben und deren Wirkungen in der Regel jene Entwicklungen betreffen, die außerhalb des unmittelbaren physischen Aktionsfeldes (Armlänge) liegen. Ebenso werden Tätigkeiten verrichtet, deren reale, materielle Einlösung weit über das zeitliche Ausmaß des Sitzens hinausgeht, also virtuelle Zeithorizonte antizipiert. Wenn ich mich setze, nehme ich mir Zeit, auch wenn das Sitzen nur der Entspannung dient. Ebenso sind die Materialien und der dem Sitzmöbel innewohnende Arbeitsprozess (industrielle Fertigung, Handwerk) zeithaltig, stellen also Zeit aus. Die Spur des materiellen, haptischen Gebrauchs oder auch der optischen Zeitbindung (Stil) haftet ihnen ebenso an, wie das Kontemplative, das langsam im Gebrauch sich erschließende Zeitflechten. Stühle nehmen am Menschen Maß, formen ihn ab, verlaufen parallel und reziprok zu seinen Unter- beziehungsweise Oberschenkeln, zu seinem Gesäß, zu seinem Rücken. Möbel sind Verlängerungen des Menschen, sind Werkzeuge zur Haltung, Stützung und Nobilitierung, sind Träger seiner kulturellen Existenz. Allerdings waren Sitzmöbel nie ausschließlich die Abformung der menschlichen Rückenlinie. Es sind vielmehr Rahmenwerke, die an bestimmten strategischen Punkten den Menschkörper unterstützen. An der ungeheuren Modellvielfalt ist zu bemerken, auf wie viele Arten man sitzen kann. Erst bei neueren Produkten, die sich aus Auto- und Flugzeugsitzen, auch aus Bürostühlen und Fernsehliegen entwickelten, ist die bedingungslose Anformung an den menschlichen Körper gefragt. Dies engt den gestalterischen Freiraum stark ein und bedient ausschließlich einen diffusen Begriff von Bequemlichkeit, das heißt die Verteilung der Körperlast auf eine möglichst große Resonanzfläche. Eine solche Entwicklung reduziert das Sitzmöbel auf die Fragen der Sitzkurve, des Materials und bestimmter technischer Verbindungen. Der Aspekt einer Widerstandsform gegen die Trägheit bleibt meistens metaphorisch stumm. Sitzmöbel werden, da ihnen das Menschenmaß innewohnt, zu anthropometrischen Messgrößen für den Raum. (1995, Adolf Krischanitz)

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